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PROVENIENZFORSCHUNG
Provenienzforschung befasst sich mit der Frage nach der Herkunft von Kunstwerken und Kulturgütern. Es wird untersucht, wie und unter welchen Umständen Objekte in den Besitz von Sammler*innen, Händler*innen, Museen oder anderen Institutionen gelangten. Eine besondere Rolle spielt dabei die Klärung von ggf. unrechtmäßigen Besitzwechseln, insbesondere durch den Entzug von Kunst und Kulturgut im Nationalsozialismus, in der DDR und SBZ (Sowjetische Besatzungszone) oder in Hinblick auf koloniale Kontexte.
Für das Osthaus Museum ist insbesondere die Provenienzforschung zu NS-Raubkunst von Bedeutung: Durch die von den Nationalsozialisten in öffentlichen Sammlungen durchgeführte Beschlagnahmeaktion „Entartete Kunst“ im Jahr 1937 und Auslagerungen des Museumsbestandes im Zweiten Weltkrieg sind dem städtischen Kunstmuseum Hagen zahlreiche Werke verloren gegangen. Die erste Direktorin des neugegründeten städtischen Kunstmuseums Herta Hesse-Frielinghaus (1910–1988) begann wenige Monate nach Kriegsende mit dem Erwerb von Werken der klassischen, vorwiegend deutschen Moderne. Dabei knüpfte sie an die einstigen Sammlungen moderner Kunst an, insbesondere an die des von Karl Ernst Osthaus im Jahr 1902 in Hagen gegründeten Folkwang-Museums. Durch weitere Ankäufe und großzügige Schenkungen hat das Osthaus Museum heute eine international bedeutende Sammlung mit Hauptwerken des deutschen Expressionismus, der Neuen Sachlichkeit und des Konstruktivismus. Ob sich darunter auch künstlerische Arbeiten befinden, die während des Nationalsozialismus unrechtmäßig oder unter Zwang von ihren ursprünglichen Eigentümern entzogen wurden, ist Untersuchungsgestand unserer Provenienzforschung. Im Einklang mit den 1998 verabschiedeten „Washingtoner Prinzipien“ und auf Grundlage der „Gemeinsamen Erklärung“ der Bundesrepublik Deutschland von 1999 hat das Osthaus Museum 2026 mit der systematischen Überprüfung seiner Sammlungsbestände begonnen. Im Fokus stehen zunächst Gemälde, Skulpturen und Plastiken der Klassischen Moderne aus dem Erwerbungszeitraum von 1933 bis 1998, deren Provenienzen im Rahmen eines vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste geförderten Projekts erforscht werden. Das Projekt umfasst die Untersuchung von rund 360 Gemälden und bildhauerischen Arbeiten. Ziel ist es, NS-verfolgungsbedingt entzogene Kunst zu identifizieren, in der Lost Art-Datenbank zu publizieren und mit den rechtmäßigen Eigentümern faire und gerechte Lösungen zu finden. Grundlage für die Erforschung und Rekonstruktion der Provenienzen bilden neben Fachliteratur, Ausstellungs- und Auktionskatalogen sowie Forschungsdatenbanken das umfangreiche Archivmaterial des Osthaus Museums und Stadtarchivs Hagen, welches sowohl Werkdokumentationen als auch Inventarbücher und eine umfassende Korrespondenz aus der bald achtzigjährigen Geschichte des Museums umfasst. Dazu zählt auch der Briefwechsel mit Künstler*innen, Kunsthändler*innen, Nachlassverwalter*innen und der Schriftverkehr im Kontext von Ausstellungsplanungen seit 1945. Die Forschungsergebnisse werden der Öffentlichkeit und Forschenden zur Verfügung gestellt. RESTITUTIONEN
Im Jahr 2023 wurde das Gemälde Blick von Haut-Cagnes aufs Meer von Auguste Renoir, das aus der Sammlung des jüdischen Bankiers Jakob Goldschmidt (1882–1955) stammt, an dessen Erben restituiert.
mehr ![]() Auguste Renoir, Blick von Haut-Cagnes aufs Meer, 1910, 30 x 47 cm; Osthaus Museum Hagen Die Provenienzforschung am Osthaus Museum wird gefördert durch die Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste |