Das Kunstquartier bleibt bis Montag, 26.7. einschließlich geschlossen.

Auch der Hohenhof bleibt aufgrund von Renovierungsarbeiten zunächst geschlossen.


Der Betrieb von Kultureinrichtungen mit gesicherter Rückverfolgbarkeit und Beachtung sonstiger Schutz- und Hygienemaßnahmen ist wieder möglich, wobei die Anzahl von gleichzeitig anwesenden Besucherinnen und Besuchern in geschlossenen Räumen eine Person pro zwanzig Quadratmeter der für sie geöffneten Fläche nicht übersteigen darf. Ein Test ist nicht erforderlich.

 
Julian Schnabel und Jiří Georg Dokoupil arbeiten im Berliner Atelier von Georg Dokoupil, 2015, Fotografie @ Deyan Manolov


Jiří Georg Dokoupil & Julian Schnabel
Two Czechoslovakians walk into a bar
Collaboration Paintings
27. Juni bis 15. August 2021


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Tayfun Belgin
Berliner Dialog


Zwei Bilder, die zu Beginn der 1980er Jahre entstanden sind, haben einen großen Eindruck auf mich hinterlassen. Zum einen: Ein zweiteiliges Werk vor einer blauen Kulisse mit einem durch Stacheldraht festgehaltenen Gehirn eines Menschen, daneben eine Vase mit Blumen. Diese Arbeit des damals 28-jährigen Georg Dokoupil hat den Titel: „Geburtstag des gefangenen Fachmanns (Diptychon)“, 1982, 250 x 300 cm. Dokoupil, 1954 in Tschechien (damals Tschechoslowakei) geboren, verließ mit seiner Familie nach dem Prager Aufstand 1968 ein Land, welches zu jener Zeit unter der zum Teil unmenschlichen Herrschaft des Sowjetsystems stand. Die erwähnte Arbeit aus der Phase der wilden Malerei Dokoupils deutete für mich – in aller ästhetischen Schärfe – die damaligen Verhältnisse an.

Georg Dokoupils Drang durch Bilder sich selbst auch Klarheit über Weltdinge zu verschaffen, bescherte uns in den Jahrzehnten danach ein sehr anschauliches Bildspektrum mit Werken, die u.a. mit Ruß, mit Muttermilch, mit Reifenabdrücken und auch Seifenlaugen realisiert wurden. Malerei hat eben unendliche Ausdrucksformen, Georg Dokoupil findet immer wieder neue Wege und setzt seine Anker. Bei ihm schauen wir aus nächster Nähe Leoparden an, sie kommen auf uns zu mit ihrem samtenen Fell und den leuchtenden Augen: meisterliche Werke mit Kerzenruß realisiert. An einem anderen Ort sehen wir die großformatigen Seifenblasenbilder der letzten Jahre mit spielerischen Variationen von Farben und Formen.

Der Maler des zweiten Werks aus 1981 betitelte es mit: „The Sea“, 300 x 390 cm: Julian Schnabel. Seine Werke hatten in der wichtigen Berliner Ausstellung „Zeitgeist“ große Aufmerksamkeit erregt, da sie – zumindest für europäische Augen – ungewöhnlich waren. In „The Sea“ begegnet uns ein Meer von blauer Farbe mit intensiven weißen Wellenbewegungen, die eine Menge zerbrochener mexikanischer Töpfe durchwirbeln. Ein Stück Treibholz ist dicht an das Bild gesetzt und wirkt von weitem wie ein Beobachter inmitten des Geschehens. Diese ebenfalls großformatige Arbeit des damals 30-jährigen Künstlers aus der Phase der „Plate-Paintings“ war einerseits eine Zumutung für unsere damaligen, an Klassikern wie Barnett Newmann oder Marc Rotko geschulten Augen. Andererseits boten diese wilden, verkürzt mit Neo-Expressionismus bezeichneten Werke, eine gänzlich andere Aura, eine grenzenlose Freiheit, ein Abenteuer der Malerei ohne aufgesetzte theoretische Fundamentierung durch Kritiker wie Clement Greenberg. Dieses unbändige Schauen, um das Alltägliche in eine Sphäre der Kunst zu bringen und vice versa, dauert im OEuvre Schnabels bis heute an: in Malerei, in Skulptur, Performance und im Film. Wobei die feinfühligen Beobachtungen und eindrücklichen Schilderungen von existentiellen Lebenssituationen und bedrohten Lebensräumen eine herausragende Qualität des Filmregisseurs Julian Schnabels darstellen.

Beiden Künstlern ist eigen, dass sie beständig auf der Suche sind, überall und mit wachem Geist. Für beide ist Malen nichts anderes als Entdeckung. Die Vielfalt ihres Schaffens findet im direkten Prozess statt. Das Ergebnis: Leuchtende Leopardenaugen gegen Farbströme, zarte Seifenlaugen gegen kraftvolle Zeichen, Geheimnis gegen Erzählung. Unterschiedlich ist ihr Bildwollen, verbindend ist ihre intellektuelle Kraft, die sich gerade in den „Collaboration Paintings“ eindringlich äußert. Diese gemeinsamen Arbeiten präsentieren wir unter dem Titel: „Two Czechoslovakians Walk into a Bar“ – bezugnehmend auf die Herkunft des Vaters von Julian Schnabel sowie auf derjenigen von Georg Dokoupil aus Tschechien. Diese gemeinsamen realisierten Werke offenbaren im Modus spielerischen Gestaltens die handschriftlichen Qualitäten beider Akteure. Auch wenn diese Leichtigkeit unsere Augen verwöhnt, ist doch der Dialog beider bei der Realisierung dieser Arbeiten ein intensiver gewesen. Auf den Schlag des einen folgte die Antwort des anderen, auf Linie folgte Farbe, auf geschlossene Form eine offene. Beide Künstler sind großartige Inszenierer in ihren Medien. Philipp Glass hätte sicherlich eine große Freude an der Vertonung dieser Arbeiten, die in ihrer formalen Gegensätzlichkeit mehr Gemeinsamkeit entwickeln konnten, als dies vor Beginn dieses Abenteuers denkbar gewesen sein mag.

Ich bin Georg Dokoupil und Julian Schnabel zu großem Dank verpflichtet. Das Osthaus Museum Hagen, ein seit den Tagen des Hagener Folkwang-Museums ab 1902 traditioneller Ort für zeitgenössische Kunst, erhielt die Ehre, diese großartigen Werke in einer Premiere-Ausstellung zu präsentieren. Ein Team von Begeisterten und Förderern hat dieses Projekt begleitet. Reiner Opoku als Kurator, Autor und Ansprechpartner für beide Künstler übernahm die Organisation. Ihm danken wir herzlich! Wilfried Dickhoff, Autor und Herausgeber des Katalogs danke ich für seine einfühlsame Gestaltung des Katalogs. Die Galerie Geuer und Geuer Art Gmbh ermöglichte mit ihren Partnern das Zustandekommen dieser Schau, daher gilt mein großer Dank Dirk Geuer. Dem Team des Osthaus Museums mit dem Verwaltungsleiter Michael Fuchs danke ich in gebührender Weise!


Vorwort aus dem Katalog:
Jiří Georg Dokoupil & Julian Schnabel
Two Czechoslovakians Walk into a Bar
Collaboration Paintings

Edited by Wilfried Dickhoff & Louise Kugelberg wdpress, Berlin, mit Texten von Tayfun Belgin, Wilfried Dickhoff, Jiři Georg Dokoupil, Reiner Opoku, Julian Schnabel.


Tayfun Belgin
Berlin Dialog

The Osthaus Museum Hagen will present fifteen large-scale paintings by the two artists Jiři Georg Dokoupil and Julian Schnabel in a premiere exhibition from June 13 to August 15, 2021, entitled: Jiři Georg Dokoupil/ Julian Schnabel. Two Czechoslovakians Walk into a Bar. Collaboration Paintings. Parallel to these 15 large-scale works by both artists, more than 80 prints by Julian Schnabel from late 70th to 2021 will be shown in the museum's cabinet rooms and in the Lower Gallery.

Jiři Georg Dokoupil, born in 1954 in the Czech Republic, emerged in the 1980s as a member of the Cologne-based artists' group Mülheimer Freiheit, whose members were Hans Peter Adamski (b. 1947), Peter Bömmels (b. 1951), Walter Dahn (b. 1954), Jiři Georg Dokoupil (b. 1954), Gerard Kever (b. 1956) and Gerhard Naschberger (b. 1955). They produced paintings in a wild expressionist style that caused a great stir in the art scene, which was dominated by conceptual art at the time. It was the time of “The New Fauves” (“Die Neuen Wilden”), who painted expressive-abstract but also sensual-representational pictures in large format with lively and fierce brushstrokes in intense colors. This period also saw the creation of collaborative works, such as those by Jiri Georg Dokoupil with Walter Dahn.

Dokoupil changed his way of painting after this wild period. His urge to find clarity for himself about world affairs through very different paintings gave the art scene a vivid spectrum of images in the decades that followed, a rich oeuvre with works that were realized with soot, mother's milk, through tire impressions, and soapsuds, last of all.

The worldviews of the New York artist Julian Schnabel, born in 1951, were first consciously perceived in Germany in the exhibition "Zeitgeist" in 1982 in Berlin. The works, shortly described as “expressive-gestural” offered a completely different aura and a boundless freedom, especially those from the series of "Plate Paintings" - large paintings with glued-on remnants of broken plates. They showed an adventure in painting without the need of implementing an imposed theoretical foundation that was common for artworks in the USA and Europe during these years. This irrepressible looking to bring the everyday into a sphere of art continues in Schnabel's œuvre to this day: in painting and in sculpture and - from the 1990s to the present day - in film as well. The sensitive observations and impressive depictions of existential life situations and threatened living conditions can be seen as an outstanding quality of the film director Julian Schnabel, most recently vividly conveyed in his film about Van Gogh: "At Eternity's Gate.

The title "TWO CZECHOSLOVAKIANS WALK INTO A BAR" refers on the one hand to the Czech origin of Julian Schnabel's father and to Georg Dokoupil who was born in the Czech Republic. On the other hand, it conveys the relaxed atmosphere in which common paintings can emerge when two great artists meet with understanding. A visit by Julian Schnabel to Dokoupil's Berlin studio had artistic consequences, the outstanding results of which are now being presented.

These joint works, realized in 2015, reveal the handwriting qualities of both actors in a mode of playful creation. Their artistic dialogue in the realization of these works has definitely been an intense one. The brush stroke of one was followed by the response of the other, line was followed by color, closed form was followed by an open one. The materials: acrylic paint, spray paint, soapsuds on canvas and linoleum floors. The spontaneity as well as the painterly humor can be seen in these extraordinary works. Beyond their artistic past, which produced wild and expressive works, these works show substance and depth of two masterful artists.

Preface form the catalogue:
Jiří Georg Dokoupil & Julian Schnabel
Two Czechoslovakians Walk into a Bar
Collaboration Paintings

Edited by Wilfried Dickhoff & Louise Kugelberg wdpress, Berlin, with texts by Tayfun Belgin, Wilfried Dickhoff, Jiři Georg Dokoupil, Reiner Opoku, Julian Schnabel.

The exhibition will open on Saturday, June 26th, 2021 at 4 p.m. The artists are present. Admission is free.

We ask all visitors to observe the corona-related distance and hygiene rules and to wear a mouth and nose cover (FFP2 or KN95) in the museum building.

Pre-registration is necessary:
Phone: +49 2331 207-2740 or +49 2331 207-3138; Email address: Museen@stadt-hagen.de




Julian Schnabel und Jiří Georg Dokoupil arbeiten im Berliner Atelier von Georg Dokoupil, 2015, Fotografie @ Deyan Manolov




Julian Schnabel und Jiří Georg Dokoupil arbeiten im Berliner Atelier von Georg Dokoupil, 2015, Fotografie @ Deyan Manolov