Wege der Versöhnung
Germaine Tillion
Als Ethnologin bei den Chaouias-Berbern in Algerien
Fotodokumente 1934 - 1940
1. bis 29. November 2015

Eine Ausstellung der Europäischen Frauen Aktion (EFA) e.V. Berlin im Jungen Museum im Osthaus Museum Hagen in Zusammenarbeit mit der Deutsch-Französischen Gesellschaft Hagen

Junges Museum im Osthaus Museum Hagen



Das Junge Museum im Osthaus Museum Hagen zeigt in Kooperation mit der Deutsch-Französischen Gesellschaft Hagen eine Ausstellung der Europäischen Frauen Aktion (EFA) e.V. Berlin. Verein zur Verbreitung kulturellen Schaffens von Frauen mit über 80 Schwarzweiß-Fotodokumenten von Germaine Tillion (1907-2008). Die französische Ethnologin zählte in den 1930-er Jahren mit ihren Forschungen in Algerien zu den ersten Frauen, die sich als junge Pionierinnen in unerschlossene Gebiete und zu deren Bevölkerung wagten. Sie begegnete der einheimischen Bevölkerung unvoreingenommen und auf Augenhöhe. Das war ebenso ungewöhnlich wie ihre Überzeugung, dass der Blick auf die anderen durch die eigenen Erfahrungen bestimmt ist.

Germaine Tillion besaß die besondere Gabe, sich als Forscherin dem Fremden zu öffnen und über sich selbst zu reflektieren. Von 1934 bis 1940 hatte sie die Lebensformen der Chaouias-Berber im Aurès-Gebirge in Algerien wissenschaftlich erforscht. Über 1500 Fotografien von Menschen und Landschaft entstanden in der Zeit. Sie überdauerten das nationalsozialistische Regime und wurden erst 1999 wieder entdeckt. Die aus intimer Nähe oder bei alltäglichen Verrichtungen fotografierten Menschen vergegenwärtigen das Vertrauen und die Akzeptanz, die sie der Ethologin entgegenbrachten. Für Tillion war das eine wesentliche Voraussetzung für die Verständigung zwischen den Völkern. „Wenn uns die Ethnologie etwas bringen kann, dann ist es, wie wir besser zusammenleben können“, hatte Germaine Tillion noch 2004 in ihrer Dankesrede bei der Verleihung des Großen Bundesverdienstkreuzes der BRD deutlich gemacht. Ende Mai 2015 wurde ihr darüber hinaus die hohe Ehre zuteil, für ihr Lebenswerk ins Pariser Panthéon aufgenommen zu werden.

Das Ansinnen der Ethnologin weist auch Parallelen zu der Folkwang-Idee des Museumsgründers Karl Ernst Osthaus auf. Bereits 1898 hatte Osthaus Algerien bereist, um Land, Leute und die Natur kennenzulernen. Später stellte der Mäzen Kunst und Kunstgewerbe aus Afrika, Bali, Japan, Java und Persien europäischer Kunst vergleichend gegenüber und machte interkulturelle Zusammenhänge sichtbar. Auch nutzte er konsequent das Medium Fotografie zur Darstellung der Weltkultur. Nach dem Ersten Weltkrieg erstarkte die Einsicht, dass sich Identität und Selbsterkenntnis im Dialog mit dem Anderen entfalten. Von dieser Überzeugung war auch Germaine Tillion durchdrungen. Mit den Fotodokumenten der Berberbevölkerung, möchte die Europäischen Frauen Aktion (EFA) e.V. „Menschen, vor allem die Jugend dazu anregen, sich mit der Auswirkung von vergangenen historischen Ereignissen und aktuellen Entwicklungen in Deutschland und Frankreich und in Europa und Nordafrika auseinanderzusetzen und Verbindungen zu eigenen Vorstellungen von Entwicklung, Demokratie und Menschenrechten in der Gesellschaft zu knüpfen.“

Germaine Tillion ist als französische Ethnologin, überzeugte Europäerin, Widerstandskämpferin, Deportierte im Konzentrationslager Ravensbrück, Autorin eines der Grundlagenwerke über das KZ-System, Vermittlerin zwischen den islamischen und den europäischen Kulturen, unermüdliche Kämpferin gegen Folter, Massaker und Todesstrafe und hohe Ordensträgerin in der aktuellen politischen Situation von besonderer Bedeutung. In Anbetracht der derzeit religiös motivierten Krisen und Kriege sind Sätze von Tillion wie: „Zum Dialog der Kulturen, zur Versöhnung zwischen islamischer und christlicher Zivilisation gehört vor allem das Aufeinanderhören,“ und: „Den Ländern der Erde wird es erst dann besser gehen, wenn sie alle Frauen zur Bildung zulassen,“ aktueller denn je, die in der didaktisch aufgearbeiteten Ausstellung im Jungen Museum aufgegriffen werden.

In Zusammenarbeit mit der Deutsch-Französischen Gesellschaft ist darüber hinaus ein Rahmenprogramm mit Vorträgen zum Leben von Germaine Tillion und der aktuellen Situation in Algerien sowie einer Lesung aus dem Werk „Frauenkonzentrationslager Ravensbrück“ von Tillion im Kunstquartier entstanden. Ein Filmbeitrag zum Algerienkrieg wird in Kooperation mit dem Kino Babylon im Kulturzentrum Pelmke gezeigt. Die Ausstellung wird außerdem unterstützt vom Engagement Global. Service für Entwicklungsinitiativen (gefördert aus Mitteln des Landes Nordrhein-Westfalen), der Sparkasse Hagen, der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Hagen und Umgebung e.V., der VHS Hagen, der Gleichstellungsstelle der Stadt Hagen, dem Karl Ernst Osthaus-Bund sowie durch private Initiative.




Rahmenprogramm


Donnerstag, 12. November 2015, 18.30 Uhr │ Junges Museum
Lesung aus dem KZ-Buch von Germaine Tillion
mit einer Einführung über die Resistance
Deutsch-Französische Gesellschaft Hagen e.V. │ SchülerInnen des Fichte-Gymnasiums Hagen
Gegenstand der Lesung werden drei Themenbereiche aus ihrem Werk „Frauenkonzentrationslager Ravensbrück“ sein: die Informationen, die zwischen 1940 bis 1942 in Paris bekannt waren, das Leben und schließlich das Überleben im KZ Ravensbrück. Abschließend wird eine Reflexion von Germaine Tillion zur Schuldfrage vorgetragen.

Samstag, 14. November 2015, 15.00 Uhr │ Junges Museum
Öffentliche Führung zur Ausstellung „Germaine Tillion - Als Ethnologin bei den Berbern des Aurès-Gebirges in Algerien“
Dr. Elisabeth May │ Bildung und Vermittlung im Fachbereich Kultur

Montag, 16. November 2015, 19.00 Uhr │ Kino Babylon, Pelmkestraße 14, 58089 Hagen
Die Schlacht um Algier
Italien/Algerien 1966, Regie: Gillo Pontecorvo, 117 Min., FSK 16
Algerien 1957: Der Kleinkriminelle Ali la Pointe steigt zum Guerillaführer auf und organisiert in Algier den Widerstand gegen die übermächtigen französischen Besatzer. Eine an Originalschauplätzen gedrehte und über weite Strecken dokumentarisch gehaltene Rekonstruktion der wichtigen Episoden des algerischen Unabhängigkeitskampfes, die große Sympathie für die Aufständischen zeigt, aber auch Verständnis für die Lage der Franzosen aufbringt. 1966 mit dem Goldenen Löwen und einer Oscarnominierung ausgezeichnet.

Freitag, 27. November 2015, 18.30 Uhr │ Auditorium
"Kann man die Welt heute noch in westlich und islamisch teilen?
Die politische Entwicklung im südlichen Mittelmeerraum. Am Beispiel Algerien."
Dr. Akli Kebaili │Jurist und Politologe aus der Kabylei (Algerien)
Die Analyse der politischen Entwicklung im südlichen Mittelmeerraum, am Beispiel Algerien soll der Hauptteil des Vortrags sein. Aber auch die Frage der Lösungsvorschläge für diese politische Krise soll mit dem Referenten diskutiert werden. „Nur wenn wir kulturelle und politische Differenzen kritisch debattieren, können wir uns auf Gemeinsamkeiten einigen. So kann man die Welt vielleicht irgendwann nicht mehr in westlich und islamisch teilen“, so lautet die These des Referenten.

Sonntag, 29. November 2015, 15.00 Uhr │ Junges Museum
Öffentliche Führung zur Ausstellung „Germaine Tillion - Als Ethnologin bei den Berbern des Aurès-Gebirges in Algerien“
Dr. Elisabeth May │ Bildung und Vermittlung im Fachbereich Kultur